Antragsstrecke

Die Antragsstrecke ist der Weg von der Produktauswahl über Konfiguration und Berechnung bis zum Vertrag. Sie ist der erste Geschäftsfalltyp der Norm und das erste Beispiel des gemeinsamen Modells aus Geschäftsfall, Geschäftsobjekten, Operationsarten und Prozesswissen (Geschäftsobjekte und Operationen). Sie wird zuerst umgesetzt und erprobt; die weiteren Typen – Vertragsänderung, Konvertierung, Schadenmeldung und -bearbeitung – folgen im selben Raster.

Diese Seite beschreibt die Antragsstrecke in diesem Raster: welche Geschäftsobjekte es gibt, wie sie auseinander hervorgehen, wer wofür zuständig ist, welche Übergänge jedes Objekt hat und welche Prozessvarianten die Norm zulässt. Was für alle Typen gilt – die sechs Operationsarten, die vier Prüfungen, der allgemeine Lebenszyklus eines Geschäftsobjekts –, steht auf der Konzeptseite und wird hier nicht wiederholt. Die Zustände der einzelnen Objekte in der Sparte Kfz zeigt Zustandsdiagramm Kfz. Das Produkt, das konfiguriert wird, und die Regeln dafür beschreibt das Produktwissen; die Antragsstrecke ist seine erste Anwendung.

Geschäftsobjekte und Ableitungen

Ein Geschäftsfall der Antragsstrecke ist die Klammer um bis zu vier Geschäftsobjekte: Berechnung, Offert, Antrag und Vertrag. Jedes hat einen eigenen Inhalt, einen eigenen fachlichen Zustand und eine eigene IRI unter dem Geschäftsfall; der Geschäftsfall selbst hat keinen Zustand. Die Objekte gehen durch Ableitung auseinander hervor: Das neue Objekt übernimmt den Inhalt des Vorgängers und trägt dessen IRI als Herkunft, der Vorgänger bleibt unverändert.

antragsstrecke-geschaeftsobjekte

Die Ableitungen Berechnung → Offert und Offert → Antrag sind optional: Ein Offert darf ohne Berechnung und ein Antrag ohne Offert erzeugt werden, dann legt der Client das Objekt vollständig an (OMDS 3 kennt das als „Offert ohne Berechnung“ und „Einreichung ohne vorheriges CreateApplication“). Die einzige verpflichtende Ableitung ist Antrag → Vertrag: Es gibt keinen Vertrag ohne Antrag, und diese Ableitung stößt der Versicherer nach seiner Prüfung an, nicht der Vermittler.

Eine Berechnung, die der Versicherer nicht aufbewahrt – der Client sendet eine Konfiguration und erhält Prämie und Prüfbericht –, ist eine Auskunft und kein Geschäftsobjekt; sie begründet keinen Geschäftsfall. Erst wenn der Versicherer die Berechnung aufbewahrt, weil der Vermittler sie wiederfinden, teilen oder ein Offert daraus ableiten will, wird sie zum Geschäftsobjekt, und damit entsteht der Geschäftsfall.

Geschäftsobjekt Inhalt Bereit heißt Übergänge des Clients Zustände durch den Versicherer

Berechnung

Produktkonfiguration: Verkaufsprodukt, eingeschlossene Bausteine, Attributwerte, Risikoobjekte (Produkt und Produktbaum, Objekte)

berechenbar

berechnen

berechnet (Prämie als Ergebnis)

Offert

die Konfiguration, ergänzt um Versicherungsnehmer, Prämienbindung und Gültigkeitsdauer

annehmbar

annehmen, stornieren

angenommen; abgelaufen (Gültigkeitsdauer endet)

Antrag

die Konfiguration, ergänzt um Personen und Rollen, Antragsfragen und Inkasso (Personen und Rollen, Antragsfragen)

einreichbar

einreichen (mit Bestätigungs-Token des Freigabe-Gates), Rückfrage abschließen, stornieren

eingereicht, in Prüfung, Rückfrage, angenommen (Vertrag abgeleitet), abgelehnt

Vertrag

der angenommene Antrag, polizziert; Bezug für Vertragsänderung, Konvertierung und Schadenmeldung

– (entsteht nur durch Ableitung des Versicherers)

–

laufender Versicherungsschutz; Kündigung, Ablauf

Solange der Vermittler ein Objekt bearbeitet, wechselt es zwischen den zuerkannten Zuständen Entwurf und Bereit, je nachdem, ob die Pflichteingaben des Zustands vollständig sind; der Server stellt das nach jeder Bearbeitung oder Ersetzung neu fest. Der Übergang – berechnen, annehmen, einreichen – ist nur aus Bereit zulässig und übergibt das Objekt dem Versicherer; danach ist es für den Client unveränderlich, und die weiteren Zustände setzt der Versicherer.

Zuständigkeiten

  • Der Vermittler erzeugt und bearbeitet Berechnung, Offert und Antrag, leitet Offert aus Berechnung und Antrag aus Offert ab und stößt die Übergänge berechnen, annehmen und einreichen an. Das Einreichen verlangt ein Bestätigungs-Token des Freigabe-Gates: Ein Mensch bestätigt, bevor ein Antrag die Hand des Vermittlers verlässt (Lösungsansatz).

  • Der Versicherer führt bei jeder Operation die vier Prüfungen durch, liefert die Prämie, setzt die Zustände nach dem Übergang (in Prüfung, Rückfrage, angenommen, abgelehnt) und leitet den Vertrag aus dem angenommenen Antrag ab. Ergänzungen bei der Verarbeitung – Prämie, Default-Elemente, Warnmeldungen – sind ausdrücklich zulässig; die Antwort ist das ergänzte Objekt.

  • Bei einer Rückfrage öffnet der Versicherer den Antrag für eine begrenzte Bearbeitung (Antwort, Beleg); der Vermittler schließt die Rückfrage mit einem Übergang ab.

Nebenprozesse

Neben den vier Hauptobjekten kennt die Antragsstrecke Nebenprozesse: untergeordnete Geschäftsobjekte unter Offert, Antrag oder Vertrag, die einen Vorgang bei Kunde, Vermittler, Versicherer oder Drittem vertreten und die Einreichung sperren können. Die Norm legt sechs Arten fest:

Art Vorgang Regelfall

Rabattabzeichnung

Der Vermittler beantragt einen Rabatt über seiner Vollmacht, der Versicherer zeichnet ab; die Prämie ist bis dahin vorläufig.

vor der Einreichung, blockierend

Genehmigungsvorbehalt / Annahme

Der Versicherer entscheidet über die Annahme unter Vorbehalt; die Deckung ist bis dahin vorläufig.

nach der Einreichung

Attest

Der Kunde legt einen Nachweis eines Dritten vor; der Inhalt ist vertraulich.

deklariert

Vorschadenbesichtigung

Ein Gutachter besichtigt das Fahrzeug, wenn der Antrag einen Vorschaden nennt.

drei Varianten, deklariert

Personenidentifikation

Der Kunde weist sich aus, etwa per Video-Ident.

vor der Einreichung, blockierend

Zulassung

Der Kunde lässt das Fahrzeug mit der Versicherungsbestätigung zu; die Zulassungsstelle meldet an den Versicherer.

nach der Einreichung, wandert zum Vertrag mit

Ein Nebenprozess entsteht durch Ergänzung des Versicherers bei der Verarbeitung des Hauptobjekts, wenn die deklarierte Auslösebedingung zutrifft, oder auf Beantragung des Vermittlers. Ist er blockierend und offen, fehlt der Übergang „einreichen“ in den Folgeschritten des Antrags, und der Bericht nennt ihn; ein Client muss das nicht selbst berechnen. Welche Arten ein Versicherer anbietet, wann sie blockieren und zusammengeführt werden, deklariert sein Prozesswissen (Nebenprozesse).

Ablauf

aktivitaetsdiagramm-antragsstrecke

Jede Antwort auf dem Weg hat dieselbe Form: das betroffene Geschäftsobjekt vollständig, sein Zustand, der Prüfbericht, die Ergebnisse des Versicherers und die Folgeschritte am Geschäftsfall und an seinen Objekten. Der Client liest den nächsten Schritt aus der Antwort ab; was dort nicht steht, ist nicht zulässig.

Prozessvarianten

Die Norm zählt die zulässigen Varianten der Antragsstrecke abschließend auf; jeder Versicherer deklariert als Prozesswissen, welche er umsetzt, und der Client stellt sich zur Laufzeit darauf ein:

  • Berechnung als Auskunft oder als Geschäftsobjekt: ob der Versicherer Berechnungen aufbewahrt und ab wann ein Geschäftsfall entsteht.

  • Entwurf am Server: ob der Versicherer Berechnung, Offert und Antrag als Entwurf hält und Bearbeitungen anbietet, oder ob der Client das ganze Objekt sendet (Ersetzung, OMDS-3-Stil; Lösungsansatz).

  • Offert ohne Berechnung und Antrag ohne Offert: welche Erzeugungen ohne Vorgänger zulässig sind.

  • Antragsarten und Berechnungshistorie: welche Antragsarten der Versicherer anbietet und ob der Geschäftsfall frühere Stände eines Objekts als Historie trägt.

  • Nebenprozesse: welche der sechs Arten der Versicherer anbietet, unter welchem Hauptobjekt, ob sie blockieren, wann sie zusammengeführt werden und unter welcher Auslösebedingung er sie anfordert.

  • Persistenz, Berechtigung und gemeinsame Bearbeitung des Geschäftsfalls: ob der Versicherer ihn aufbewahrt, wer darauf zugreifen darf, ob weitere Vermittler oder Sachbearbeiter ihn gemeinsam bearbeiten.

Abbildung auf OMDS 3

Die bestehenden OMDS-3-Services der Antragsstrecke Kfz lassen sich auf die Operationsarten abbilden, so dass eine Versicherung die neuen Services als Wrapper darüber anbieten kann:

OMDS 3 Operationsart

calculateKfz

Auskunft (Tarifauskunft), oder Erzeugung der Berechnung mit Übergang „berechnen“, wenn der Versicherer sie aufbewahrt

createOfferKfz

Ableitung Berechnung → Offert mit ganzem Objekt (OMDS-3-Stil), oder Erzeugung ohne Berechnung

createApplicationKfz

Ableitung Offert → Antrag mit ganzem Objekt, oder Erzeugung ohne Offert

submitApplicationKfz

Übergang „einreichen“ des Antrags

Statusmitteilung (OMDS 2 GetStageChanges)

Auskunft über die seit einem Zeitpunkt eingetretenen Zustandswechsel der Geschäftsobjekte, auch der Nebenprozesse

Nebenprozess lesen, Ergebnis einreichen

Auskunft und Bearbeitung am Nebenprozess; der Nebenprozess hängt am Hauptobjekt statt am Geschäftsfall, die Sperre der Einreichung steht in den Folgeschritten

Die Abbildung im Einzelnen – Felder, Antragsarten, Fehlercodes – legt die Deklaration der Antragsstrecke fest.

Inhalt der Geschäftsobjekte

Kern jedes Geschäftsobjekts der Antragsstrecke ist die Produktkonfiguration: das gewählte Verkaufsprodukt mit seinen Bausteinen, Attributwerten und Risikoobjekten (Produkt und Produktbaum, Produktbaum und Instanzbaum). Das Produkt wird zur Laufzeit ausgespielt; welche Konfigurationen zulässig sind, sagt das Produktwissen, nicht der Service.

Mit fortschreitender Strecke wird die Konfiguration angereichert: Die Berechnung trägt die Prämie je Baustein, das Offert Prämienbindung und Gültigkeitsdauer, der Antrag Personen und Rollen (Antrags- bzw. Vertragsrollen), Antragsfragen (Antragsfragen) und Inkasso, der Vertrag die Polizzierung. Was an jedem Baustein in jedem Objekt stehen darf, beschreibt die Struktursäule des Vokabulars (Schichten des Vokabulars).

Stand der Umsetzung

Muster-Versicherung und Muster-Vermittler setzen die Antragsstrecke heute bis zur Berechnung um: Produktauswahl zum Stichtag, Konfiguration als Entwurf am Server mit den Bearbeitungen addComponent und removeComponent, Berechnung mit Prüfbericht, Produktwissen zur Instanz und Folgeschritten (Installation & Setup Client). Das geschieht noch in der Form vor dem Modell der Geschäftsobjekte: Die Berechnung antwortet wie eine Tarifauskunft, legt aber zugleich ein Objekt unter einer Geschäftsfall-ID an, und der Entwurfsstatus steht am Geschäftsfall. Offert, Antrag und Vertrag folgen zusammen mit der Umstellung auf Geschäftsobjekte mit eigenen Zuständen (Vorgehen und Artefakte).

Weitere Geschäftsfalltypen

Die Vertragsänderung und die Konvertierung beginnen beim bestehenden Vertrag, den sie als Bezug nennen, ohne ihn in den Geschäftsfall aufzunehmen: Der Vermittler leitet daraus einen Änderungs- bzw. Konvertierungsantrag ab, der dieselben Bearbeitungen und Übergänge wie der Antrag der Antragsstrecke hat, und der Versicherer leitet daraus den geänderten bzw. neuen Vertrag ab. Beide haben eigene Kapitel; die Schadenmeldung beginnt mit einer Erzeugung zum Vertrag und wird mit ihrem Typ beschrieben. Alle vier stellt Geschäftsfalltypen im selben Raster nebeneinander.